SELBSTGEFÄLLIG UND SELBSTVERLIEBT IN DIE EIGENE LEISTUNG

Keine Gesellschaft ohne Umverteilung

Im letzten JL sieht Alexander Eckstein die Sozialliberalen „aus ihren Löchern kriechen“ und gibt seiner Sorge über eine gefährliche Entwicklung zum Versorgungsstaat Ausdruck. Er beschreibt als sein Ideal den selbständigen Menschen, der für Leistung belohnt wird und deshalb seine besonderen Fähigkeiten in Freiheit und Verantwortung zur Entfaltung bringt. Diesem Ideal könnte man als Liberaler nur zustimmen, wenn Alexander Eckstein seine Vorstellungen nicht mit erschreckenden Vereinfachungen und platten Ideologemen garnieren würde, die für das Politik- und Liberalismusverständnis der Jungen Liberaren hoffentlich nicht repräsentativ wird.

„Sozial“ bedeute laut Lexikon lediglich „zur Gesellschaft gehörend“ und habe mit Umverteilung nichts zu tun, warnt Eckstein. Es fällt schwer, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der nicht vielfältig umverteilt wird. Gesellschaft ist in ihrer jeweiligen Struktur weder vom Himmel gefallen noch ein nur zufälliges und folgenloses Beisammen von Individuen. In der Tat weiß der „sozial“ eingestellt Mensch, daß Gesellschaft gestaltet und organisiert, mithin ihrem Wesen nach „Umverteilung“ ist. Er weiß auch, daß seine persönliche Freiheit sich dieser Gestaltung als vermittelte erst verdankt. Allein die vielen Gemeinschaftseinrichtungen für Bildung, Kultur, Gesundheit usw. sind Ergebnis einer gewaltigen Umverteilung „Sozial“ kommt bekanntlich vom lateinischen „socialis“, das auch mit „kammeradschaftlich, gemeinschaftlich“ übersetzt wird. Darin liegt eine Wesensbestimmung und Aufgabe zugleich. Gerade weil wir Liberalen am konsequentesten die Marktwirtschaft vertreten, da sie effizient ist und individuelle Freiheit mit ermöglicht, tragen wir bei der sozialen Umverteilung des Erwirtschafteten besondere Verantwortung. Dabei geht es nicht nur um Chancengerechtigkeit, wie Alexander Eckstein meint, also sozusagen umgleiche Startbedingungen für den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Es geht auch um soziale Gerechtigkeit für diejenigen, die ihr Leben lang gleichsam Teller waschen und sich und ihre Familie mit kleinem Einkommen ernähren. Es ist für uns doch selbstverständlich, daß der gut verdienende Unternehmer deutlich mehr Steuern zahlt, auch prozentual, als die Verkäuferin im Supermarkt. Wenn die Mieten drastisch steigen, treten wir für eine Erhöhung des Wohngeldes als Ausgleich ein. Geht es bestimmten Regionen wirtschaftlich schlecht, fordern wir, „miteinander der zu teilen“ und transferieren Milliarden, wie jetzt von West nach Ost und beim Länderfinanzausgleich.

Nur Interessenten und Ignoranten können behaupten, daß größtmögliche Gleichheit und soziale Gerechtigkeit mit größtmöglicher Freiheit und wirtschaftlicher Leistungskraft prinzipiell unvereinbar sei, meinte Karl-Hermann Flach in seiner berühmten Streitschrift Noch eine Chance für die Liberalen“. Und weiter: „Für die
westlichen Gesellschaften stellt sich nicht die Frage, ob der Weg zur größeren Gleichheit gegangen werden soll, sondern wie er ohne Freiheitsverzichte und mit den geringsten Reibungsverlusten gegangen werden kann. Dies gilt erst recht für den weltweiten

In der durch Konkurrenz bestimmten Marktwirtschaft gibt es für den einzelnen selbstverständlich auch Leistungsdruck, der nicht, wie Alexander Eckstein meint, in „Leistungsanreiz“ umzubenennen ist. Solche sprachlichen Beschönigungen sind ein sicheres Kriterium für Ideologie im schlechten Sinne. Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Statt den Leistungsdruck leugnen, kommt es darauf an, mit
ihm angemessen umzugehen, was auch Ecksteins Ideal ist der „selbständige nicht der betreute Mensch“ Es ist auch meines, wenn damit dien aufklärerische Vorstellung von wachsender Mündigkeit und Selbstbestimmung statt Bevormundung und Unwissenheit gemeint ist. Auf „Betreuung“ sind wir Menschen gleichwohl angewiesen. Unmittelbar sieht dies jeder ein bei heranwachsenden, behinderten und pflegebedürftigen Menschen, Aber auch alle anderen erfahren, wie Arnold Gehlen richtig erkannte, durch gesellschaftliche Institutionen ein hohes Maß an Handlungsentlastung, die persönliche Freiheit und Initiative, wie wir sie kennen, allererste ermöglicht. Selbst Familie, Ehe und andere Partnerschaften sind Formen gegenseitiger Hilfe und gemeinsamer Entfaltung. Es steht jeder auf den Schultern von vielen. Gerade das kennzeichnet wesentlich unsere Kultur.

Die an sich richtige Belohnung von Leistung durch materielle Güter und Sozialprestige hat einen Nachteil: Sie steigt manchen Leuten zu Kopf. Selbstgefällig und selbstverliebt schreiben sie Erfolg ausschließlich der eigenen Stärke zu und vergessen, in welchem Maße zum eigenen Talent und Fleiß auch günstige äußere Umstände, Förderung durch Wohlmeinende, Glück und die genannten gesellschaftlichen Entlastungsfunktionen hinzutreten müssen. Mir imponieren Leute, die gerade im Augenblick großen Erfolges das Bewußtsein hierfür wachhalten. Sie kommen nicht auf die Idee, daß in der Marktwirtschaft automatisch „Jeder das Seine“ (Eckstein) erhält. Die Aufgabe einer stets neuen sozialen Gestaltung derselben muß gerade bei Liberalen lebendig bleiben.

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