POLEN – EIN REISELAND

Wer sich in den Osten aufmacht, um deutsches Kulturgut – was immer das ist – in Dresden oder Rostock aufzusuchen, liegt heute voll im Trend. Wer sich Richtung Ost begibt, um Moskwa oder Kiew kennenzulernen, ist dem Trend voraus oder Einzelgänger Marke Rust. Wer nach Polen fährt, überlegt vielleicht gar nicht, ob mehr Deutsches auf ihn zukommt oder mehr Slawisches, ob mehr Reibungspunkte zwischen beidem oder die gesunde Ergänzung zweier Kulturen oder einfach Symbiose von Ost und West.

Letzteres kommt der Wahrheit wohl am nächsten, denn beide Kulturen stehen in Polen nebeneinander, als gehörten sie zusammen, nein: in Polen gehören sie zusammen. Nirgendwo wird so deutlich wie in diesem Land, in dem die heutige politische Welt wie ein Brennspiegel die kulturhistorische Frage auf aktuelle Alltäglichkeiten wirft, wie relativ die Begriffe „Ost “ und „West“ sind. Das Gesellschaftssystem ist ohne Zweifel und ohne Einschränkung östlich, Städte, Siedlungen, Baudenkmäler sind in großer Zahl schlicht als deutsch einzuordnen, in Gesprächen stößt man verwundert auf eine verbreitete recht unkritische West-, vor allem Amerikafreundlichkeit, dagegen Ablehnung alles Russischen (Stalins Polen-Geschäft mit Hitler verzeiht man auch Gorbatschow noch nicht), vorsichtige Sympathie für die Bundesrepublik, Schaudern vor der DDR. Letzteres hat gefülhlsmaßig durchaus noch etwas mit den verhaßten deutschen Ordensrittern zu tun.

Die Penetranz, mit der die Deutschen im östlichen wie im westlichen Blocksystem schnell wieder an die Leistungsspitze strebten, erfährt im lebensfrohen, dabei aber genügsamen Polen bestenfalls Kopfschütteln,

die Kritiklosigkeit der DDR-Bevölkerung ihren sozialistischen Herren gegenüber, welche sich nicht mal mehr als solche gerieren mußten, um den Musterknaben bei der Stange zu halten, führt schlicht zu polnischer Ratlosigkeit. lch behaupte, Polen als Westgrenze des Warschauer Paktes hätte aus reinem Freiheitsdrang heraus die Fronten längst gesprengt.

Ob dies im Sinne des europäischen Friedens (im Sinne von Krieglosigkeit) wäre, bleibe dahingestellt. Es wird wohl schon deutlich, daß ich meine, einen recht klar zu definierenden Charakter des Landes und seiner Bewohner kennengelernt zu haben. Dazu zählt die national geprägte Freiheitsliebe, wie sie wohl nur einem Volk eigen sein kann, das lange und mehrmals keine staatliche Heimat hatte. Diese Freiheitsliebe ist mit großer Opferbereitschaft verbunden. Viel Gefühl kommt hinzu, Herzlichkeit in allen Lebenslagen, vor allem in der Familie und der mehr marianischen als christlichen Kirche, die man bedenkenlos als Nationalkirche betrachten kann. Übrigens sind selbst die nicht gerade tolerant behandelten evangelischen Christen dankbar für den polnischen Papst, weil er unabhängig von den von ihm vertetenen Inhalten und seinem Stil das Land ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit gerückt hat. Merkliche Freude an den Genossen des Lebens, soweit es die eingeschränkten Mittel erlauben, sprichwörtliche Trinkfreudig-und-festigkeit, dafür sympathisches Unverständnis für sowas wie Arbeitsdisziplin, all die macht Polen einen Tick -nein zwei- südländischer, als man es sich mit seiner falschen Vorstellung vom kalten und kahlen Osten. Man verzeiht diesem Land und seinen Menschen die Versorgungsengpässe und die schwerfällige Bürokratie, die nach deutscher Gewohnheit an Sabotage zu grenzen scheinen (womöglich ist es sowas ähnliches). Man- oder vorsichtiger ich- und alle Polenreisenden, die ich bisher kennenlernte, mögen die polnische Art, mit solchen Fahrnissen umzugehen, mehr Schwarz- als staatlichen Markt zu betreiben (es kommt vor, daß Bankbeamte am Schalter fragen, ob man tatsachlich offiziell Geld tauschen möchte, oder nicht doch lieber schwarz). Die Polen kleiden sich im Schnitt eindeutig modischer als die Nachbarn in der vergleichsweise reichen DDR, sie zaubern 1000 gute Gurkengerichte, wenn’s eben gerade nur Gurken gibt, kein Wohnzimmer ohne Blumenstrauß, kein Ort ohne gepflegte Grünanlagen – kurz :

Die Penetranz, mit der die Deutschen im östlichen wie im westlichen Blocksystem schnell wieder an die Leistungsspitze strebten, erfährt im lebensfrohen, dabei aber genügsamen Polen bestenfalls Kopfschütteln die Kritiklosigkeit der DDR-Bevölkerung ihren sozialistischen Herren gegenüber, welche sich nicht mal mehr als solche gerieren mußten, um den Musterknaben bei der Stange zu halten, führt schlicht zu polnischer Ratlosigkeit. lch behaupte, Polen als Westgrenze des Warschauer Paktes hätte aus reinem Freiheitsdrang heraus die Fronten längst gesprengt. Ob dies im Sinne des europäischen Friedens (im Sinne von Krieglo-
sigkeit) wäre, bleibe dahingestellt. Es wird wohl schon deutlich, daß ich meine, einen recht klar zu definierenden Charakter des Landes und seiner Bewohner kennengelernt zu haben. Dazu zählt die national geprägte Freiheitsliebe, wie sie wohl nur einem Volk eigen sein kann, das lange und mehrmals keine staatliche Heimat hatte. Diese Freiheitsliebe ist mit großer Opferbereitschaft verbunden. Viel Gefühl kommt hinzu, Herzlichkeit in allen Lebenslagen, vor allem in der Familie und der mehr marianischen als christlichen Kirche, die man bedenkenlos als Nationalkirche betrachten kann. Übrigens sind selbst die nicht gerade tolerant behandelten evangelischen Christen dankbar für den polnischen Papst, weil er unabhängig von den von ihm vertetenen Inhalten und seinem Stil das Land ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit gerückt hat. Merkliche Freude an den Genossen des Lebens, soweit es die eingeschränkten Mittel erlauben, sprichwörtliche Trinkfreudig-und-festigkeit, dafür sympathisches Unverständnis für sowas wie Arbeitsdisziplin, all die macht Polen einen Tick -nein zwei- südländischer, als man es sich mit seiner falschen Vorstellung vom kalten und kahlen Osten. Man verzeiht diesem Land und seinen Menschen die Versorgungsengpässe und die schwerfällige Bürokratie, die nach deutscher Gewohnheit an Sabotage zu grenzen scheinen (womöglich ist es sowas ähnliches). Man- oder vorsichtiger ich- und alle Polenreisenden, die ich bisher kennenlernte, mögen die polnische Art, mit solchen Fahrnissen umzugehen, mehr Schwarz- als staatlichen Markt zu betreiben (es kommt vor, daß Bankbeamte am Schalter fragen, ob man tatsachlich offiziell Geld tauschen möchte, oder nicht doch lieber schwarz). Die Polen kleiden sich im Schnitt eindeutig modischer als die Nachbarn in der vergleichsweise reichen DDR, sie zaubern 1000 gute Gurkengerichte, wenn’s eben gerade nur Gurken gibt, kein Wohnzimmer ohne Blumenstrauß, kein Ort ohne gepflegte Grünanlagen – kurz :

Polen macht sehr viel aus seinen wirtschaftlich geringen Möglichkeiten.

Natürlich muß man nicht wochenlang durch’s Land fahren und tiefsinnig über Volk und Geschichte nachsinnen. Es gibt auch einiges für den Touristen zu sehen, der nach Polen führt, weil er sonst schon alles kennt. Voraussetzung ist dann allerdings, daß er auch ein gewisses Wohlwollen gegenüber stets fehlendem Klopapier, 14 Tage verschiedene Gurkengerichte und mit Sicherheit fehlgeleiteten Zimmerbuchungen mitbringt. Andernfalls sollte er unbedingt andere Gegenden dieser Welt aufsuchen. Wenn Polen, dann muß Warszawa, die Hauptstadt wie Hauptstadt nur sein kann, dabei sein. Warszawa ist nicht gerade mondän, aber großzogig, geprägt nicht durch den Protzbau Kulturpalast, der uns leider immer wieder als das Warschauer Motiv schlechthin präsentiert wird, sondern durch breite Straßen, Baumalleen bis in die Nebenstraßen abgelegener Wohngebiete hinein, mehr schöne Parks als wohl irgendwo sonst und natürlich die beispielhaft restaurierte Altstadt. Der Kulturpalast ist übrigens bei den Warschauern nicht nur aufgrund seiner Häßlichkeit ungeliebt, sondern als Geschenk Der Völker der Sowjet union sprich : Stalinsgebaut, wie das sozialistische Staatssystem, von Sowjets auf polnischem Boden und für polnisches Geld. Von Warszawa aus kann man die Nord- oder die Südroute wählen. Letzteres heißt Krakow, eine der schönsten alten Städte Europas, Tatra, Schlesien. Ersteres : Masuren, mit seiner unendlichen Kette herrlicher Seen und Kanäle ein unübertroffenes Wassersportrevier, Gdansk, laut Auskunft alter Danziger schöner rekonstruiert als es früher je war, die Ostseeküste mit unberührten Traumstränden, Szczecin, nur interessant als die wohl deutscheste Stadt Polens, sonst kaum sehenswert, aber mit dem besten Studentenhotel ausgestattet.


Autor: Hartmut Bade


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