DER MARKT. DER MENSCH. UND DIE MORAL.

Der Liberalismus muss für vieles herhalten. Für die Unternehmer, die ihre Partikularinteressen mit ihrer wirtschaftlichen Macht ohne Staatseingriffe frei durchsetzen wollen, für die radikal Demokraten, die um einen Zustand wahre Freiheit zu erreichen und Freiheiten und Unterordnung unter den „allgemeinen Willen“ abverlangen für die Anarchisten und die mit ihnen verwandten Geschöpfe der Schwarzarbeiter und Steuerbetrüger die den Liberalismus als Grundlage für gänzliche Gesetzlosigkeit missbrauchen. Und für die Politiker denen als Ausrede für Faulheit und Nichtstun für die Kapitulation vor den Problemen der Armen und Schwachen der Benachteiligten Minderheiten und machtlosen verwenden. Dass dies möglich ist, gehört wahrhaftig zu den historischen Irrtümem unserer Zeit.

Der Liberalismus ist die Theorie der Freiheit. Freiheit – jeder empfindet einen anderen Zustand als solche – kann es niemals Kollektiv, immer nur individuell gebe. Der Liberalismus ist damit die Theorie der individuellen Selbstverwirklichung. Aufgabe der Wirtschaftspolitik eines modernen Liberalismus muss es sein, für möglichst viele möglichst viel Selbstverwirklichung zu ermöglichen. Aufgabe der Wirtschaftspolitik eines modernen Liberalismus ist deshalb jegliche Freiheit zu sichern, die politische, die materielle und die Freiheit vor Angst und Not.

Was nützt die größtmögliche politische Freiheit, was nutzt Verfügungsfreiheit über Privateigentum wenn der Einzelne eingeengt ist, von einem Korsett wirtschaftlicher Not? Was hilft die größtmögliche soziale Absicherung in der Einzelne nicht die Freiheit hat sich seine Umgebung wird Privateigentum ohne obrigkeitsstaatliche Bevormundung zu gestalten? Was ist die größtmögliche materielle Freiheit wert wenn dem Einzelnen nicht die Chance gegeben ist seine ideellen und politischen Vorstellungen zu verwirklichen?

Die freie Marktwirtschaft erfüllt den Anspruch völlige wirtschaftliche Handlungsfreiheit zu ermöglichen. Also ein grundlegend liberales Zwischenziel, mit dem Hintergedanken „jeder ist seines Glückes Schmied“ – Leistung als Parameter für das eigene Fortkommen. Dabei wird übersehen, dass die formale Möglichkeit nicht auch für jeden die gleichen praktischen Auswirkungen hat. Im Extrembeispiel heißt dies: ein Behinderter oder auch ein Arbeiter wird mit seiner wirtschaftlichen Freiheit weniger anfangen können, als ein durchschnittlicher Manager mit 150.000 Jahresgehalt obwohl er vielleicht im Vergleich zu ihm mehr an seine persönlichen Leistungsgrenze geht. Auch durch Bildung von Monopole, Schaffung von ökonomischer macht für einzelne oder Gruppen werden geistig psychisch und physisch schwächere, werden unglücklichere verdrängt. Selbst wenn sie ihre volle Leistung bringen. Ist es nicht ein bisschen zu eingleisig des Denkens wenn wir uns als einzigen Gradmesser für die Entlohnung des arbeitenden der Leistung des Einzelnen für die Volkswirtschaft bedienen, während der Messung bei anders kaum möglich nach komplizierten und keineswegs immer gerechten Markt Gesetzen erfolgt? Ist dies nicht einen Abdanken vor einer von Lobbyisten des Kapitals vorgegebenen Ideologie?

Die Zentralverwaltungswirtschaft will dagegen das Prinzip der bedarfsgerechtigkeit erfüllen. Jeder soll das erhalten, was seinen Bedürfnissen entspricht. Also prinzipiell eine liberale Denkweise. Andererseits haben wir nicht gesehen, dass die Systeme im Osten die nicht von Prinzipien der eben definierten klassischen Leistungsgerechtigkeit ausgegangen gescheitert sind? Ist nicht das Leistungsprinzip ein Motor der Wirtschaft, ein Motor des Wohlstands haben diejenigen etwa doch recht wie das Gerede von Verteilungsgerechtigkeit zum Teufel wünschen, weil der Markt und nur der Markt nicht aber der Staat gerecht und effektiv verteilen kann?

Eine völlig freie Marktwirtschaft wäre fürwahr nur akzeptabel, wenn sie jeden einzelnen dazu bringen würde, in höheren Wohlstand zu leben als ohne diese Form Wirtschaftens, in sie die Schwachen nicht ausgrenzen würde. Das Postulat der freien Marktwirtschaft, bleibt denn nicht mehr und nicht weniger als ein Appell an menschlichen Egoismus und ein Eingeständnis andere menschliche Charaktereigenschaften, für bedeutungslos, weniger wichtig, bzw. selbst durch Lernprozesse unerreichbar zu halten. Der Egoismus dient als einziges Lebenselixier. Dabei kann auch die Freiheit des anderen einträchtig werden. Akzeptanz in der Bevölkerung für staatliche Eingriffe aus sozialen Gründen,wird bestritten. Freiheit vor Angst und Not ist nicht gegeben. Im Gegenteil. Angst und Not als Haupt Triebkräfte der persönlichen Leistung und der persönlichen Durchsetzungskraft auf Kosten anderer – hingenommen.

Dagegen muss sich eine zentrale Verwaltungswirtschaft in der der „Plan“ der weisen Staatslenker über die wirtschaftlichen Entscheidungen und die Bemessung des Eigentums entscheidet fragen lassen, ob die angestrebte Wohlstandsverteilung jeder nach seinem Bedürfnis. Aus Praktikabilitätsgründen meistens die unzureichende Hilfskonstruktion einer völligen Gleichverteilung. Gemeint ist aufgrund der Markt inkonformen und Leistungs widersprechenden Löhne, nicht dazu führt dass letztendlich alle oder große Massen schlechter gestellt sind, als bei einer Verteilung durch die freie Konkurrenz autonome Wirtschaftsprojekte. Außerdem muss beachtet werden, ob nicht zu viel Unfreiheit in Kauf zu nehmen sind um den Plan durchzusetzen. Freiheit ist zwar immer auch die Freiheit vor Angst und Not, aber niemals darf Angst und Not oder der Wunsch keine Furcht zu haben und zu Schaffung von Unfreiheiten inspirieren, die damit noch mehr Angst und Furcht bringt. Die moralische Politik muss also darauf achten dass sich ihre konkrete Gestaltung nicht neues und moralisches Verhalten entsteht, oder dass durch das praktische Handeln Mittel angewandt werden, die dem Wohlstandsziel entgegenstehen.

Liberale haben einen unverkrampftes aber kritisches Verhältnis zu. Staat. Weswegen sie den Staat nicht bekämpfen, sich aber auch in der Wirtschaftspolitik im Zweifel gegen staatliches Eingreifen und für Hilfe für Selbsthilfe entscheiden. Auch hier liegt eine weitere Notwendigkeit für die Suche eines 3. Weges.

Die Lösungen werden sich nicht aus einem festen Gedankengebäude ergeben. Die Keynesianer werden nicht über die Monetaristen siegen, die Monetaristen nicht über die Keynesianer. Beide sind in der praktischen Anwendung schon gescheitert oder zumindest nicht gänzlich erfolgreich gewesen. Die Theorien werden sich auf dem freien Markt der theoretischen Diskussion mit all den Erfahrungen aus der Praxis in einen dynamischen und nie einen dialektischen Prozess aus These und Antithese, aus Versuch und Irrtum weiter fortentwickeln was nur in einer pluralistischen Demokratie mit Interessenausgleich möglich ist. Liberale werden dabei immer darauf achten dass sie rational und ohne Vorurteile wirtschaftspolitischen Handlungsalternativen gegenüberstehen. Dabei muss sich der Politiker seiner Verantwortung für alle bewusst sein, dass dies den schwierigsten Weg darstellt, weil er keine Patentlösung anbietet. Nicht einfach eine schwache Minderheit ausgrenzen, kann nicht schnell zu beschreiten, und deshalb nicht Wählerwirksam ist, darf Liberale nicht davon abhalten ihn zu gehen. Das ist der Anspruch an uns selbst.

Journal Liberal 13, September 1990

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