#Elenão (#Ernicht)

Was anfangs nur als Gruppe auf Facebook startete, wurde nicht nur zu einem wichtigen Hashtag während des brasilianischen Präsidentschaftswahlkampf, sondern auch zu einer politischen Protestbewegung. Doch was bedeutet es eigentlich? Die Aussage ist klar zu verstehen: Alles ist besser als Jair Bolsonaro als neuer Präsident Brasiliens!

Ich wusste bereits, dass sich die brasilianische Bevölkerung nach einer neuen politischen Richtung sehnte. Nach der Verhaftung des ehemaligen Präsidenten Lula, der Amtsenthebung von Dilma Rousseff und den Korruptionsvorwürfen gegen Michel Temer, hatte man genug von der Partei der Arbeiter (PT). Das eigentlich erschreckende war jedoch, wie der Kandidat der sozial liberalen Partei (PSL) seinen Wahlkampf führte und mit welchen Themen er die Mehrheit der Menschen begeisterte. Unter dem Motto: „Brasilien über allem, Gott über alles“ startete Bolsonaro seinen Wahlkampf in dem er immer wieder gegen Schwule, Frauen und Dunkelhäutige hetzte. Beispielsweise entschuldigte er sich nach der Geburt seiner einzigen Tochter und bezeichnete diese als „Schwächeanfall“. Zu einer Abgeordneten der linksgerichteten Partei sagte er, sie sei zu hässlich um von ihm vergewaltigt zu werden. Zudem ist Bolsonaro für die Wiedereinführung der Todesstrafe, für die Abschaffung der Aufklärung über Homosexualität in der Schule, da diese Kinder schwul machen würde und für die Stärkung des Militärs, weil der einzige Fehler der Militärdiktatur darin bestand, nur gefoltert und nicht genug getötet zu haben.

Da mir der Hashtag immer häufiger, auch in den Profilen meiner brasilianischen Freunde, auffiel, setzte ich mich intensiver mit Jair Bolsonaro auseinander. In der Presse wurde er immer häufiger als „Tropen-Trump“ bezeichnet, da er seinen Wahlkampf überwiegend über die sozialen Medien führte und Brasilien während des Wahlkampfes ebenso spaltete wie Donald Trump 2016 die USA. Je größer aber der Zuspruch von Teilen der Bevölkerung wird, desto größer werden auch die Protestbewegungen, so auch #Elenão. Unter diesem Motto protestierten nicht nur vermehrt Frauen auf den Straßen, sondern auch Künstler, Musiker und auch die Opfer der früheren Militärdiktatur gegen den rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten. Am 7. Oktober kommt dieser jedoch auf über 46% der Stimmen und trat somit in der Stichwahl am 28. Oktober gegen Fernando Haddad von der unbeliebten Arbeiterpartei an. An beiden Tagen war auch die Aufregung innerhalb meines brasilianischen Freundeskreises hier in Deutschland spürbar. Hoffnungsvoll fuhren sie nach Frankfurt, um in der Botschaft ihre Stimmen abzugeben. Doch mit 55,1% gewann Bolsonaro auch die Stichwahl und wurde am 1. Januar 2019 als neuer Präsident Brasiliens vereidigt.

Für mich persönlich interessant zu sehen war, dass die Zustimmung für Bolsonaro vorwiegend aus den reicheren südlichen Staaten Brasiliens, wie São Paulo, kamen. Dort ist die Bevölkerung überwiegend europäisch stämmig. Die ärmeren Staaten im Nordosten des Landes wählten zu 90% für Haddad. Dennoch gibt es auch in dem Teil des Landes einige, darunter auch meine Gastfamilie und ein paar Freunde, die darauf hoffen, dass mit Jair Bolsonaro eine korruptionsfreie Politik in Brasilien beginnt. In dem ersten Monat seiner Amtszeit wurden noch keine Gesetze geändert, allerdings hat ein Abgeordneter der Linkspartei, der sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt, bereits das Land verlassen und will sein Mandat niederlegen, da die Gewalt gegenüber Mitgliedern der LGBT-Community nach Bolsonaros Wahlsieg erheblich zugenommen hat.

Es bleibt abzuwarten was letztendlich wirklich passiert, für mich persönlich bleibt jedoch ein fader Beigeschmack wenn es um die politische und gesellschaftliche Entwicklung meines Lieblingslandes geht.

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