KI-basierte Überwachung – Eine Gefahr für die Freiheit

Seit 2018 testet die Bundespolizei am Berliner Südkreuz automatisierte Gesichtserkennung zu Überwachungszwecken. Die Technologie soll nun bei 135 Bahnhöfen und 14 Flughäfen im Produktivbetrieb eingesetzt werden.

Die Tatsache, dass die Technologie hervorragend funktioniert, hätte auch problemlos in China bestaunt werden können, dafür bedurfte es keine aufwändige eigene Studie. Lange überfällig ist hingegen eine Abwägung zwischen technischem Fortschritt und verletzten Freiheitsrechten.
Mit einem Tatentrang, welchen man seit Jahren bei der öffentlichen Verwaltung vergeblich vermisst, schreitet Seehofer bei der Automatisierung von Überwachungsmaßnahmen voran. Die Vorteile sind hier auch keineswegs von der Hand zu weisen. Wenn die Aufnahmen automatisiert gesichtet werden, können Personalkosten eingespart und menschlichem Versagen vorgebeugt werden. Darüber hinaus können die Aufnahmen in Echtzeit mit den Datenbanken von Polizei und Behörden abgeglichen und in Echtzeit reagiert werden. Sogar eine automatisierte Generierung von Bewegungsprofilen wäre problemlos möglich.

Eine sinnvolle Abwägung des Sachverhalts lässt sich jedoch nicht nur aufgrund der Kriterien Effizienz und Sicherheitsgewinn vornehmen. Nötig ist hier ebenfalls eine Betrachtung der Auswirkungen auf unser freies und selbstbestimmtes Leben. Betrachten wir dazu zunächst die technische Realisierung von automatisierter Gesichtserkennung. Da die Variationen möglicher Licht- und Blickwinkel auf ein Gesicht unendlich groß sein können, ist dieses Problem nur mithilfe einer künstlichen Intelligenz zu lösen, welche zuvor mittels des zu findenden Gesichtes trainiert wurde. Die Auswirkungen des Einsatzes von künstlicher Intelligenz zu Überwachungszwecken lassen sich in China bestaunen. Über eine nahezu flächendeckende Videoüberwachung im öffentlichen Raum werden dort Daten erhoben, Personen identifiziert und deren Verhalten bewertet. Diese Bewertung manipuliert anschließend einen Score, welcher wiederum die Basis für staatliche Sanktionen oder Unterstützung darstellt. Weiterhin werden die größten Gewinner und Verlierer öffentlich an den Pranger gestellt. Die Möglichkeiten des Einsatzes von künstlicher Intelligenz zu Überwachungszwecken sind jedoch noch weitaus vielfältiger. Mittels Aufnahmen von Kriminellen können künstliche Intelligenzen trainiert werden, welche anschließend Alarm schlagen, falls sich eine Person verdächtig verhält, sodass die Polizei diese bereits präventiv aus dem Verkehr ziehen kann.

Dies führt unweigerlich zu einem erlaubten Verhaltensmuster, welches befolgt werden muss, um staatlichen Repressionen zu entgehen. Es entsteht ein Bild vom „normalen Menschen“ und bereits das Abweichen von diesem führt zu staatlichen Sanktionen. Überschreiten wir beispielsweise einen Bahnhofsvorplatz, sollten wir nicht hektisch um uns schauen und alles vermeiden was irgendwie verdächtig wirken könnte, da andernfalls der nächstbeste Polizeibeamte zumindest eine Personenkontrolle durchführt. Eine derart trainierte künstliche Intelligenz kennt keinen Ermessensspielraum und macht keine menschlichen Fehler. Beides ist jedoch unabdinglich, um eine Gesellschaft zu gewährleisten, welche auch Abnormalitäten und eine freie Entfaltung der verschiedenen Persönlichkeiten toleriert. Das Recht, uns verdächtig verhalten zu dürfen ohne eine Straftat zu begehen, sollten wir uns nicht nehmen lassen.


Über den Autor: Felix Kibellus

Felix Kibellus (25) studiert Informatik an der Goethe Uni Frankfurt. Er leitet den Landesarbeitskreis Netzpolitik und ist Schatzmeister im Kreisverband Gießen. Ihr erreicht ihn unter fe.kibellus@gmail.com.

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