Heinz Krekeler: Chemiker und Diplomat

Heinz Krekeler wurde am 20. Juli 1906 in Bottrop geboren. Seine Karriere führte den Naturwissenschaftler von der I.G.Farben-Fabrik in Ludwigshafen über die deutsche Botschaft in Washington und die Brüsseler EURATOM-Kommission nach München und Münster, wo er seit Mitte der 1960er Jahre als elder statesman Lehraufträge auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen wahrnahm. Ein genauer Blick auf den Werdegang dieses liberalen Parlamentariers und Europapolitikers ermöglicht interessante Einblicke in Entwicklung, Fortschritte und Rückschläge einer freidemokratischen Partei, die sich im Laufe der ersten beiden bundesrepublikanischen Jahrzehnte unter schweren (koalitions-)politischen Auseinandersetzungen als Regierungspartei etablierte.

Wie für den Sohn eines naturwissenschaftlich (aus-)gebildeten Angestellten – sein Vater Karl war Chemiker – in der Weimarer Republik nicht unüblich, absolvierte Krekeler ein Realgymnasium in Bielefeld und schrieb sich daran anschließend für das Studium der Chemie ein. Fachlich in den Bahnen der Familientradition wandelnd führten ihn seine Studien nach Freiburg, Göttingen, München und Berlin, wo er sie 1930 mit der Promotion abschloss. Der Berufseinstieg gelang unmittelbar: In Berlin wurde der junge Chemiker für die Edeleanu GmbH tätig; ein Unternehmen, das Anlagen zur Erdölverarbeitung herstellte. Bei Edeleanu entwickelte Krekeler gemeinsam mit seinem Arbeitskollegen Wolfgang Grote auch ein Verfahren zur Bestimmung des Schwefelanteils in brennbaren Stoffen – am Beispiel von Öl und verwandten Verbindungen. In diese Zeit fallen auch erste belegte beruflich-fachliche Kontakte in die angelsächsische Welt: im Auftrag seines Arbeitgebers hielt Krekeler sich mehrfach in den USA und England auf. Der chemieindustriellen Forschung blieb der Endzwanziger auch verpflichtet, als er 1934 nach Ludwigshafen wechselte, um im Werk der I.G. Farbenindustrie, deren Aufsichtsrat sein Vater angehörte, zu arbeiten. Sein wissenschaftliches Profil hatte sich bis dahin erweitert: Im selben Jahr konnte er seine gemeinsam mit einem Kollegen gewonnenen Erkenntnisse über den Einfluss des Raffinationsgrades von Ölen auf die Leistung von Automotoren in der Zeitschrift der Gesellschaft Deutscher Chemiker publizieren.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sollte Krekeler jedoch selbst nicht mehr hauptberuflich ins Labor zurückkehren: Als Mitbegründer der FDP in Lippe zog es ihn die Politik. Bei der ersten Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im April 1947 wurde er in das neue Landesparlament gewählt, in dem er die Freien Demokraten im Wirtschaftsausschuss vertrat. Dieses parlamentarische Zwischenspiel dauerte zwar nur bis 1950, stellte sich für seine weitere politische Karriere aber als solide Grundlage heraus: Schließlich fand sich in den Reihen dieses Landtages mit Konrad Adenauer nicht nur der künftige Bundeskanzler, sondern mit Franz Blücher und Friedrich Middelhauve auch zwei prägende Figuren der Bundes- bzw. Landes-FDP. Das politische Netzwerk Krekelers erweiterte sich also beträchtlich. Adenauer wurde im September 1949 zum Bundeskanzler gewählt und stand damit vor der Aufgabe, den Aufbau der bundesrepublikanischen Behörden und Institutionen politisch zu gestalten. Besonders repräsentativ und für das Vertrauensverhältnis der Westalliierten zur neuen Bonner Regierung essenziell war dabei die personelle Besetzung der diplomatischen Vertretungen in Washington, London und Paris. Um an diesen sensiblen Stellen nicht auf NS-belastete Vertreter des alten Auswärtigen Amtes zurückgreifen zu müssen, bot es sich an, sie mit vertrauenswürdigen Politikern zu besetzen – und nicht mit Berufsdiplomaten. Im April 1950 schlugen Blücher und Middelhauve dem Kanzler, nachdem sie mit einem anderen Kandidaten für den Posten in London abgeblitzt waren, schließlich Krekeler als Generalkonsul in Washington vor, womit sie sich mit der Ernennung desselben im Juni schließlich auch durchsetzten. Den Einstieg Krekelers in den diplomatischen Dienst deswegen aber als reine Ämterpatronage abzukanzeln greift zu kurz. Die Ernennung ist vielmehr im breiteren Kontext der machtpolitischen Auseinandersetzungen in der jungen bürgerlichen Koalition zu sehen: Bevor der Weg der schrittweisen Erlangung bundesrepublikanischer Souveränität durch die Westintegration Früchte trug, war das Verhältnis zu den Alliierten für den politischen Handlungsspielraum der Bundesregierung von zentraler Bedeutung. Die FDP wollte ihre Position in der Koalition stärken, indem sie Einfluss auf die Gestaltung der Außenpolitik zu nehmen versuchte – ein Politikfeld, das in den folgenden Jahrzehnten, durchaus auch zwischen den Koalitionspartnern, in der Tat heiß umkämpft sein sollte. Und Personalpolitik war ein probates Instrument in diesem regierungsinternen Ringen um Entscheidungsspielräume. Zumal Krekeler als Landesparlamentarier die politischen Rahmenbedingungen der Besatzungszeit aus der Akteursperspektive kannte und auf seine dienstlichen Erfahrungen in den USA zurückgreifen konnte. Als Generalkonsul – ab 1953 dann im Range eines Botschafters – gehörte es zu Krekelers wichtigsten Aufgaben, das Vertrauen der US-Administration und der politischen Öffentlichkeit in die Deutschen neu aufzubauen. Hierbei setzte er neben dem üblichen diplomatischen Instrumentarium noch stärker auf publizistische Mittel und besonders den Film als Format des expandierenden Mediums Fernsehen. Neben Sensibilisierung für die Anliegen der Bundesrepublik angesichts von Teilung, Flüchtlingsaufnahme und Kaltem Krieg betonte er besonders, dass die westlichen Werte „which are so strong and alive in your great country, are also the foundation of the new Germany that we, the German people, have built since the end oft the war.“, wie er es im März 1954 in einer Rede vor der Germanistic Society of America an der Columbia University formulierte. Deutschland als Teil der westlichen Wertegemeinschaft – ein Ziel, das Krekeler nicht nur als Diplomat und Parlamentarier verfocht und das heute Realität geworden ist. Eine andere wichtige Aufgabe des Botschafters war – natürlich – die Unterrichtung der Bundesregierung über die öffentliche Meinung in den USA. In den 1950er Jahren eine bedeutende wie sensible Aufgabe – befürchtete doch gerade Adenauer stets, die USA könnten sich, trotz seiner entschiedenen Westpolitik, auf dem Rücken der Europäer und der Bundesrepublik mit den Sowjets aussöhnen. Wie explosiv dieses Thema koalitionsintern war zeigte sich an einem Bericht, den Krekeler zur negativen Aufnahme von Äußerungen Thomas Dehlers über die Pariser Verträge in den US-Medien verfasste und der in eine Zeit großer Spannungen zwischen Adenauer und Dehler aufgrund außenpolitischer Meinungsverschiedenheiten fiel. Der Streit, der daraus zwischen beiden FDP-Politikern resultierte, eskalierte so sehr, dass Krekeler im Ärger über Dehler sogar vorübergehend aus der Partei austrat.

Nach der Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM) gehörte Krekeler bis 1964 deren Kommission an und wurde damit eines der wenigen FDP-Mitglieder, das der Leitung einer europäischen Institution angehörte. Er war nicht nur innerhalb der nordrheinwestfälischen FDP gut vernetzt, sondern auch mit Persönlichkeiten wie Marion Gräfin Dönhoff. Krekelers politisches Engagement galt nicht nur der Landes- und Europapolitik, sondern beispielsweise auch der Liberalen Weltunion. Im kollektiven Gedächtnis des organisierten Liberalismus spielen Personen wie er nur eine untergeordnete Rolle – im Schatten von Größen wie Friedrich Naumann. Doch auch ihr Beitrag zum Erblühen von Freiheit und Demokratie ist erinnernswert.


Über den Autor: Nico Habermehl

Nico Habermehl (23) studiert Geschichte und ist Mitglied der Jungen Liberalen Marburg-Biedenkopf.  Ihr erreicht ihn unter nico-habermehl@web.de.

Einen Kommentar hinterlassen