Erstes Bier vor 4, der Staat sagt es dir

Am Freitag wurde die Sperrstunde im Kreis Gießen vom hessischen Verwaltungsgerichtshof aufgrund von Unverhältnismäßigkeit nach einer Klage von Gastronomen gekippt. Diese Entscheidung habe ich sehr begrüßt, denn sie zeigt, dass auch in dieser schweren Pandemie-Situation eine Einschränkung von Freiheitsrechten von unseren Gerichten nur dann toleriert wird, wenn dem ein gut begründetes geeignetes Mittel der Krankheitsbekämpfung gegenübersteht.

Trotz der gerichtlichen Aufhebung der Sperrstunde am Verkaufsverbot für Alkohol von 23-11 Uhr festzuhalten ist jedoch eine reine Farce und Trotzreaktion.

Wer dies fordert, dem geht es nicht um Pandemie-Bekämpfung, sondern um die Manifestierung eines konservativen Wertesystems. Der anständige Deutsche steht um 6 Uhr auf, beginnt um 8 mit seiner Arbeit, beendet diese um 18 Uhr, trinkt das erste Feierabend-Bier um 20 Uhr und wer nach 23 Uhr noch ein Bier trinken möchte, hat zwangsläufig völlig die Kontrolle über sein Leben verloren und ist nicht mehr im Stande dazu Abstandsregeln einzuhalten.

Dies mag evtl. sogar die Lebensrealität der meisten konservativen Deutschen darstellen, allerdings wird es nicht im Geringsten den Lebensmodellen aller Gießener gerecht. Für viele Studenten beginnt der Tag erst um 12 Uhr und nach einer intensiven Lernphase ist es um 0 Uhr Zeit für ein wohl verdientes Feierabend-Bier. Es gibt Menschen, die arbeiten in der Spätschicht von 14-23 Uhr und würden gerne ihr Feierabend-Bier genau so verdient und coronakonform genießen können wie ihre Kollegen aus der Frühschicht. Für mich ist der Berufsalltag geprägt von Eigenverantwortlichkeit und endet nicht immer um 18 Uhr, sondern kann zuzüglich meiner politischen Arbeit auch öfters mal erst um 23 Uhr enden. Unsere Gesellschaft ist heute modern und individualistisch, wer von der konservativen Norm abweicht, der ist kein betrunkener Corona-Leugner, sondern hat für sich lediglich ein alternatives Lebensmodell gewählt.
Ein Alkoholverbot nach Uhrzeit ist nichts weniger als eine Diskriminierung alternativer Lebensmodelle und gehört ebenso schnell in den Mülleimer für sinnlose Verordnungen wie die Sperrstunde. Wenn es aufgrund einer drohenden Eskalation der Pandemie drastische Maßnahmen nötig sind, dann können wir uns dem nicht prinzipiell verwehren. Aber eine reine Diskriminierung von individuellen Lebensentwürfen ohne relevanten Beitrag zur Pandemie-Bekämpfung müssen wir ganz entschieden entgegenstehen.


Über den Autor: Felix Kibellus

Felix Kibellus (Geb. 1993) hat Informatik an der Goethe Universität in Frankfurt am Main studiert und arbeitet als Consultant in einem IT Startup. Als Mitglied des Bundesvorstands betreut er die IT Infrastruktur der Jungen Liberalen. Ihr erreicht ihn unter kibi500@julis.de.

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