Das Paradox der Identitätspolitik

Was haben Fr. Göring-Eckhardts Behauptung, dass Frauen im Konjunkturpaket der Bundesregierung nicht vorkommen (Tweet vom 4. Juni), und eine Mea-culpa-Mentalität im linksprogressiven Lager gemeinsam? Antwort: den Antifeminismus der Feministen, den Rassismus der Antirassisten, kurz, die Verkehrung ins Gegenteil. Political correctness ist nicht gleich political correct.

Während der typische Rassismus noch positiv eine Ideologie formulierte, die sich gegen den Anderen und seine kulturelle Identität stellte, macht das der „multikulturelle Rassismus“ über Umwege negativ. Der Andere wird über ein inhärentes Charakteristikum wahrgenommen, das ihn dadurch entmenschlicht. Dem Individuellen wird eine kollektive Identität übergestülpt, die ihm fast immer fälschlich zukommt.

Das kommt einem vermeintlichen Feminismus, wie er sich im Tweet von Fr. Göring-Eckhardt zeigt, ganz nah. Durch Bevormundung, die nicht das Individuum betrachtet, wird ganz schnell etwas Kontraproduktives erreicht. Während Rassismus früher die Idee beinhaltete, dass andere ethnische Gruppen der eigenen unterlegen seien, wird Rassismus jetzt in einem Ausdruck des Respekts für die Kultur eines anderen artikuliert. Natürlich ist nicht jede Solidaritätsbekundung mit Minderheiten rassistisch. Nur ist der Schritt dahin möglich. Dabei reklamiert dann der multikulturelle Rassist, implizit, eine privilegierte Universalität, von der aus man, ganz wie der Kolonialherr, bestimmte Kulturen auf- und abwerten kann – ganz nebenbei wird der multikulturelle Respekt für die diversity des Anderen der Ausdruck der eigenen Universalität und Überlegenheit. Man entschuldigt sich zudem durch Identitätspolitik, die sozialen Probleme, die das ganze überdeterminieren (bspw. begrenzte Bildungschancen), anzugehen.

Herablassende Erhöhung. Anstelle einem sozialen Problem auch sozialpolitisch entgegenzutreten, wird es auf Rassismus zurückgeführt. Wenn ein Polizist einer Demonstrantin, die zufälligerweise schwarz ist, mit unverhältnismäßiger Gewalt begegnet, ist dem zuerst als Polizeigewalt, und nicht als Rassismus zu begegnen. Struktureller Rassismus ist nochmal eine andere Sache, die ich hier gar nicht leugnen will.

 


Über den Autor: Karl Friedrich Stephan

Karl Friedrich Stephan (17) ist angehender Abiturient am Laubach-Kolleg der EKHN und Mitglied des Kreisverbands der Jungen Liberalen Gießen. Sein Beitrag will durch Kritik Klarheit in einem emotional geführten Diskurs schaffen. Ihr erreicht ihn unter karlstephan2002@gmail.com.

Einen Kommentar hinterlassen